MIU MIU LITERARY CLUB 2026
POLITICS OF DESIRE
Circolo Filologico Milanese – Via Clerici, 10 – Mailand
22.–24. April 2026
Miu Miu präsentierte den Literary Club 2026, „Politics of Desire“, unter der Leitung von Miuccia Prada. In ihrer vierten Ausgabe verfolgt die Veranstaltung auch in diesem Jahr das Ziel, den Dialog von Miu Miu mit der modernen Kultur zu vertiefen und einen Diskurs über Sexualität, Begehren und Einverständnis zu fördern. Vom Persönlichen zum Politischen und von der Literatur zum Leben tritt das Begehren als Kraft hervor, die das Recht auf Selbstbestimmung begründet – ein radikaler Akt des Widerstands.
Wie immer bildete das Werk zweier hoch angesehener und unverwechselbarer Autorinnen den Ausgangspunkt, um die Debatte zu erweitern. In diesem Jahr waren es die in Frankreich geborene Nobelreisträgerin Annie Ernaux mit „A Girl’s Story“ (2016) und Ama Ata Aidoo, eine der maßgeblichen Persönlichkeiten der afrikanischen Literatur und eine Ikone des postkolonialen feministischen Denkens, mit „Changes: A Love Story“ (1991). Der dreitägige Miu Miu Literary Club ließ sich vom reichen Erbe der europäischen Literatursalons inspirieren und fand im Circolo Filologico Milanese in Mailand statt. Neben den Podiumsdiskussionen wurden in diesem Jahr erstmals zwei Vorträge eingeführt. Sie boten einen Moment intellektueller Auseinandersetzung und luden die Teilnehmer/-innen dazu ein, darüber nachzudenken, wie Literatur als Medium zur Dekonstruktion von Rollen und Identitäten dienen kann.
Tag 1 – 22. April 2026
Das Programm begann mit „A Girl’s Story“ von Annie Ernaux, einer Podiumsdiskussion rund um den gleichnamigen Roman. Dieses erste Gespräch beleuchtete die komplexen Schnittstellen zwischen Begehren und Einverständnis und untersuchte, wie gesellschaftliche Erwartungen das gemeinsame Verständnis persönlicher Erfahrungen prägen. Dabei wurde die transformative Kraft der Erinnerung als Ausdruck von Selbstbestimmung und Widerstandskraft hervorgehoben. Die Themen wurden von einer interdisziplinären Gruppe von Referentinnen erörtert: Die deutsche Journalistin und Autorin Annabelle Hirsch, die bedeutende feministische Theoretikerin und Autorin Lea Melandri sowie die in Irland geborene und in New York lebende Autorin und Journalistin Megan Nolan. Die Diskussion wurde von der britischen Autorin und Kuratorin Lou Stoppard moderiert, die bereits das dritte Jahr in Folge zum Literary Club zurückkehrte.
Später am selben Tag fand der erste Vortrag statt. Unter dem Titel „Desire After AI“ sprach die Kulturtheoretikerin Olga Goriunova über ihr jüngstes Buch „Ideal Subjects“. „The Abstract People of AI“ (2025) untersucht, wie sich unser Leben und unser tägliches Verhalten in die Welt der Daten und der künstlichen Intelligenz verlagert haben, während sie ideale Subjekte bilden – und wie sich das Begehren an solchen Abstraktionen orientiert –, und zeichnet dabei ein unheimliches und zugleich faszinierendes Porträt moderner Subjektivität im technologischen Zeitalter. Diese Situation birgt neue Gefahren: Während wir wissen, wie wir älteren Normen und Kategorien widerstehen können, wirken die neuen idealen Subjekte der KI personalisiert und allgegenwärtig. Dies erfordert eine neue Politik des Begehrens. Goriunova wurde von Jennifer Guerra vorgestellt, einer italienischen Journalistin und Schriftstellerin, die für ihre Arbeit zum Thema „Feministische Philosophie und weibliche Körper“ bekannt ist. Guerra bezog die nomadische Subjektivität in ihre Analyse des zeitgenössischen Rechts und Begehrens ein.
Tag 2 – 23. April 2026
“Changes: „A Love Story“ war der Titel einer Diskussion, die den zweiten Tag des Literary Club eröffnete und sich um das bekannteste Werk von Ama Ata Aidoo drehte. Das 1991 erstmals erschienene Werk „Changes: A Love Story“, das 1992 mit dem Commonwealth-Preis ausgezeichnet wurde, erzählt die Geschichte einer ghanaischen Frau mittleren Alters, die sich von ihrem gewalttätigen Ehemann scheiden lässt und eine polygame Ehe eingeht – in der Illusion, sich ihre Unabhängigkeit bewahren zu können. Diese Entscheidung wird zu einem bewegenden Beispiel, anhand dessen die komplexen Schnittstellen zwischen Moderne, Tradition und weiblicher Selbstbestimmung beleuchtet werden. Hier wird Begehren zu einem Instrument politischer Verhandlung: Intime Entscheidungen stehen im Widerspruch zu patriarchalischen und kulturellen Strukturen. In diesem Gespräch diskutierten international renommierte Persönlichkeiten über die transformative Kraft der Selbstbestimmung und die Herausforderungen der modernen Liebe: Die italienische Schriftstellerin und Drehbuchautorin Francesca Marciano, die liberianisch-amerikanische Autorin Wayétu Moore sowie die surinamisch-niederländische Anthropologin und emeritierte Professorin für Gender Studies Gloria Wekker. Die Diskussion wurde von der Journalistin, Autorin und Kritikerin Nadia Beard moderiert.
Im Anschluss an dieses Gespräch fand der Vortrag „ How Do We Talk About Consent?“ statt. Die Autorin Katherine Angel – deren Buch „Tomorrow Sex Will Be Good Again: Women and Desire in the Age of Consent“ (2021) sich mit der Sexualität in der heutigen Gesellschaft befasst – untersuchte, wie Frauen unter dem Vorwand von Einverständnis und Selbstbestimmung häufig dazu gedrängt werden, ihre Wünsche klar und selbstbewusst zu formulieren, obwohl die Bedingungen für sexuelles Begehren in einer von Einschränkungen und Unsicherheiten geprägten Welt nicht immer förderlich für Erotik sind. Sie setzte sich für eine Sexualethik ein, die auf gegenseitiger Verletzlichkeit und Unwissenheit beruht. Angel wurde von Elisa Cuter vorgestellt, einer Filmkritikerin, die sich an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Deutschland mit Kino, Politik und Sexualität beschäftigt.
Am 22. und 23. April fanden Gespräche und Vorträge statt, die von Olga Campofreda, Autorin und Forscherin im Bereich italienischer Kultur, Sprache und Literatur, in Zusammenarbeit mit der feministischen Philosophin Rosi Braidotti organisiert wurden. An beiden Tagen folgten darauf Live-Musikauftritte sowie Prosa- und Gedichtlesungen.
Zum ersten Mal veranstaltete der Miu Miu Literary Club eine von Rosi Braidotti kuratierte „Curated Library“ zum Stöbern und als Inspirationsquelle. Sie wurde im Circolo Filologico ausgerichtet und präsentierte eine Auswahl an Titeln, die sich auf die Kraft des Schreibens als kreatives Medium konzentrieren, das es Frauen seit Jahrhunderten ermöglicht, ihre Wünsche und Ideale auszudrücken und ihre Unabhängigkeit zu bekräftigen.
Zu guter Letzt hat der Literary Club im Jahr 2026 einen zusätzlichen Veranstaltungstag eingeführt. Der Circolo Filologico, der am 24. April für die Öffentlichkeit zugänglich war, verwandelte sich in einen Lesesaal, in dem Besucher/-innen vorbeikommen und die von Rosi Braidotti kuratierte Auswahl an Büchern aus der Bibliothek lesen oder durchstöbern konnten. Dieser abschließende, weniger strukturierte Moment sollte den kulturellen Dialog und das Gefühl von Community vertiefen, den Austausch anregen und die Kraft des geschriebenen Wortes stärken und festigen.
Während der drei Tage standen Exemplare von „A Girl’s Story“ und „Changes: A Love Story“ zu diesem Anlass zur Verfügung.
Annie Ernaux
Annie Ernaux wurde 1940 in der Normandie geboren und beschäftigt sich seit über einem halben Jahrhundert mit dem Konflikt zwischen persönlicher Erinnerung und gesellschaftlicher Geschichte. Sie wuchs in Yvetot auf, wo ihre Eltern ein Lebensmittelgeschäft und ein Café führten. Ihre jungen Jahre waren geprägt vom Wechsel aus einem Arbeitermilieu in das bürgerliche Umfeld einer privaten katholischen Schule – ein Wandel, der ihr lebenslanges Interesse an den Komplexitäten des sozialen Wandels entfachte.
Ihre prägenden Jahre waren von entscheidenden Wendepunkten gekennzeichnet: ein Sommer in einem Ferienlager im Jahr 1958, in dem sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen machte, und ein Aufenthalt als Au-pair in London im Jahr 1960. Diese Erfahrungen, die später in „A Girl’s Story“ (2016) einflossen, veranlassten sie dazu, die Ausbildung zur Lehrerin aufzugeben und ein Literaturstudium in Rouen aufzunehmen. Diese intellektuelle Neuorientierung legte das Fundament für ihr Doppelleben als Pädagogin und Schriftstellerin. Während sie sich für die renommierte Agrégation qualifizierte und zwei Söhne großzog, begann Ernaux, ihre charakteristische „écriture plate“ (nüchterne Schreibweise) zu entwickeln – eine sachliche, unverblümte Prosa, die darauf angelegt ist, die Sentimentalität traditioneller Memoiren zu beseitigen.
Ihr literarisches Debüt gab sie 1974 mit „Cleaned Out“, einem fiktionalisierten Bericht über ihren illegalen Schwangerschaftsabbruch im Jahr 1964. Große Anerkennung und den Prix Renaudot brachte ihr jedoch „A Man’s Place“ (1983) ein, ein schonungsloses Porträt über das Leben und den Tod ihres Vaters. Nachdem sie 1977 nach Cergy-Pontoise gezogen war, wo sie bis heute lebt, setzte sie sich weiterhin dafür ein, das Schweigen rund um die Erfahrungen von Frauen zu durchbrechen. Ihr Meisterwerk „The Years“ aus dem Jahr 2008 hat das Genre neu definiert, indem es ihr eigenes Leben mit sechs Jahrzehnten französischer Zeitgeschichte verknüpft. Dafür erhielt sie internationale Anerkennung und wurde für den International Booker Prize nominiert.
Im Jahr 2022 erhielt Ernaux den Literaturnobelpreis für die präzise Scharfsinnigkeit, mit der sie die Wurzeln der persönlichen Erinnerung aufdeckt. Als erste Frau, deren Werke zu Lebzeiten in der Quarto-Reihe des Gallimard-Verlags erschienen, ist sie bis heute eine herausragende Persönlichkeit, deren Schaffen das Intime in einen radikalen politischen Akt verwandelt.
Ama Ata Aidoo
Ama Ata Aidoo wurde 1942 an der Goldküste (dem heutigen Ghana) geboren und entwickelte sich zu einer der einflussreichsten Stimmen der afrikanischen Literatur, die sich der Aufdeckung der Widersprüche widmete, mit denen die moderne Frau konfrontiert ist. Ihre intellektuelle Laufbahn begann an der University of Ghana, wo sie mit einer Ernsthaftigkeit zu schreiben begann, die ihr schon bald internationale Anerkennung einbringen sollte. In ihrem Debütstück „The Dilemma of a Ghost“ (1965) untersuchte sie die Spannungen zwischen traditioneller afrikanischer Kultur und der Rückkehr der westlich gebildeten Elite – ein Thema, das zu einem Markenzeichen ihres frühen Schaffens wurde.
Aidoos Literatur war nie bloß ästhetisch; sie war ein Akt radikaler Beobachtung. In ihrem experimentellen Roman „Our Sister Killjoy“ (1966) und ihrem Erzählband „No Sweetness Here“ (1970) griff sie auf die mündlichen Überlieferungen ihrer Kultur zurück, um unmittelbar über die komplexen Strukturen der Gemeinschaft zu sprechen. Sie wies die Vorstellung, dass die westliche Bildung der Hauptantrieb für die Emanzipation afrikanischer Frauen gewesen sei, entschieden zurück und argumentierte stattdessen, dass solche Einflüsse oft neue Einschränkungen mit sich brachten. Ihre Arbeit machte die Ausbeutung von Frauen sichtbar, die durch Krieg oder Arbeitslosigkeit zu nicht anerkannten Familienoberhäuptern wurden und sich in einer Welt zurechtfinden mussten, die ihre Selbstbestimmung ignorierte.
Über ihre schriftstellerische Arbeit hinaus zeigte sich Aidoos Engagement für ihr Land in ihrer Ernennung zur Bildungsministerin von Ghana Anfang der 1980er Jahre. Nach einer Phase literarischer Stille kehrte sie mit dem Gedichtband „Someone Talking to Sometime“ (1985) und dem vielbeachteten Roman „Changes: A Love Story“ (1991) zurück, der mit dem Commonwealth-Preis ausgezeichnet wurde. Im Laufe ihrer Karriere, in der sie Lehrtätigkeiten von Cape Coast bis Stanford ausübte, erlangte Aidoo eine bedeutende Stellung im internationalen literarischen Diskurs. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2023 setzte die Schriftstellerin unermüdlich alles daran, die Lebensrealität afrikanischer Frauen sichtbar zu machen, und sorgte dafür, dass ihre Stimmen im Zentrum der internationalen Literaturszene blieben.